Joel Johnson, Vice President Mobile Machinery
Mobile Machinery  11.04.2017 ESSENTIAL Magazin 

Mobile Machinery

Nach einigen Krisenjahren gewinnt der Markt für Bau- und Landmaschinen wieder an Dynamik. Die Hersteller setzen darauf, die Lebenszykluskosten zu senken. Wie moderne Dichtungstechnik dazu beitragen kann, erläutert Joel Johnson, bei Freudenberg-NOK Sealing Technologies, der operativen Geschäftseinheit von Freudenberg Sealing Technologies in Nordamerika, weltweit für das Geschäft mit mobilen Maschinen verantwortlich.

Die Weltbevölkerung wächst, immer mehr Menschen brauchen Nahrung und Wohnungen. Für die Hersteller von Bau- und Landmaschinen sind das glänzende Aussichten, oder?

Langfristig stimmt das. Aber kurz- und mittelfristig entscheiden andere Faktoren darüber, wie viele mobile Maschinen gebaut werden: Zum Beispiel hängt die Nachfrage nach Baumaschinen sehr stark davon ab, wieviel die öffentliche Hand in die Infrastruktur – etwa in den Straßenbau – investiert. Daher sehen wir in den kommenden Jahren in Europa und in Nordamerika ein eher moderates Wachstum von zwei bis drei Prozent pro Jahr.  In China, vor sechs Jahren mit einem Anteil von 40 Prozent der größte Markt weltweit, ist der Absatz seither eingebrochen, wird sich unserer Meinung nach aber allmählich wieder erholen. Das größte Wachstum werden wir in den Ländern Asiens und des Mittleren Ostens sehen, die massiv auf große Infrastrukturprogramme setzen.

The first 3D printed excavator Der erste im 3D-Druck hergestellte Bagger auf der IFPE in Las Vegas

Derzeit existieren allerdings Überkapazitäten bei den Herstellern. Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Richtig ist, dass der Wettbewerbsdruck sowohl bei Bau- als auch bei Landmaschinen deutlich zugenommen hat. Hinzu kommt, dass das auch für viele Kunden unserer Kunden gilt. Nehmen Sie zum Beispiel die Landwirte: Dank moderner Agrartechnik sind die Ernten besser denn je – in der Konsequenz bewegen sich die Preise für viele Agrarprodukte aber auf sehr niedrigem Niveau. Das senkt die Bereitschaft, in neue Maschinen zu investieren. Die Hersteller aller mobiler Maschinen reagieren darauf, indem sie nicht die Anschaffungskosten, sondern die „Total Cost of Ownership“ (TCO) in den Vordergrund stellen. Das ist für uns eine gute Nachricht. Denn durch qualitativ hochwertige Dichtungssysteme kann man die Lebenszykluskosten auf zwei Wegen senken: Einerseits erhöhen sie die Effizienz des Antriebs und senken damit die Treibstoffkosten, andererseits verlängern sie das Maschinenleben. Wir haben im Zusammenarbeit mit unseren Kunden Dichtungen entwickelt, die mehr als 18.000 Stunden im harten Einsatz durchhalten – das Ziel lautet nun, diesen Wert zu verdoppeln.

Längere Wartungsintervalle durch hochwertige Dichtungen – ist das vor allem eine Frage des Materials?

Um eine höhere Gebrauchsdauer zu erreichen, ist es wichtig, sowohl die Konstruktion als auch die Werkstoffe permanent zu optimieren. Und natürlich spielt unsere Materialkompetenz eine entscheidende Rolle. Dabei greifen wir auf das Know-how der gesamten Freudenberg-Gruppe zurück. Unsere Kunden haben zum Teil extreme Anforderungen, zum Beispiel was die Abdichtung gegen Schmutz oder die Temperaturspezifikation betrifft. Die Hersteller wissen ja nicht von vorne herein, ob ein Bagger in sibirischer Kälte, den harten Einsatzbedingungen in einer Salzmine oder im feuchten Regenwald Malaysias eingesetzt wird – aber das Dichtungssystem muss unter all diesen Bedingungen bestehen. Neue Konstruktionen wie die Kassettendichtung S4 können die Abdichtung von Achsen um den Faktor vier steigern, ohne die Fahrgeschwindigkeit auf der Straße negativ zu beeinflussen. Neue Werkstoffe wie AU30000 können die Einsatzgrenzen auf Temperaturen von -35 bis +120 Grad Celsius erweitern und bieten eine verbesserte Extrusionsfestigkeit. Solche Innovationen ermöglichen es dem Maschinenhersteller, sich hinsichtlich der Zuverlässigkeit seines Produkts sicherer zu sein.

Apropos Antrieb: In den letzten Jahren wurden die Abgas-Grenzwerte für mobile Maschinen deutlich verschärft. Wie reagiert die Branche darauf?

Im Grund erfüllen alle neuen Maschinen in Europa und in den USA die Grenzwerte der Stufe IV. Die spannende Frage ist, wann und in welchem Maß andere Regionen nachziehen. In China ist Luftverschmutzung ein großes Thema, da wird man sich annähern. Aber was ist mit Märkten wie Indien oder dem Iran? Für Freudenberg Sealing Technologies haben die strengeren Grenzwerte auf jeden Fall einen positiven Effekt: In Aggregaten, die die Stufe IV erfüllen, sind durchschnittlich deutlich mehr Dichtungen von uns als in Antrieben der Stufe III.

Joel Johnson, Vice President Mobile Machinery Joel Johnson, Vice President Mobile Machinery Freudenberg Sealing Technologies

Werden wir auch bei mobilen Maschinen einen Trend zur Elektrifizierung erleben?

Darüber diskutieren alle. Ich denke, das hängt ganz klar vom Einsatzgebiet ab. So bietet sich bei Flurförderzeugen eine Elektrifizierung durchaus an: Sie werden oft in geschlossenen Räumen betrieben und benötigen ohnehin ein Zusatzgewicht, um vollbeladen nicht umzukippen – das kann künftig die Batterie oder ein Brennstoffzellen-Aggregat darstellen. Anders sieht es bei Maschinen in der Landwirtschaft aus. Sie werden oft über lange Zeit bei konstanter Geschwindigkeit betrieben, fernab jeder Infrastruktur – da ist ein effizienter Dieselmotor auch künftig in der Regel die erste Wahl. Bei Baumaschinen muss man unterscheiden. In kleineren Maschinen, die in einem urbanen Umfeld eingesetzt werden, kann ein dieselelektrischer Antrieb durchaus Sinn machen: Der Dieselmotor läuft dann nur als Generator bei konstanter Drehzahl, das senkt das Geräuschniveau erheblich. In einigen Anwendungen – etwa einem klassischen Bagger – schwankt die Last während des Betriebs sehr stark. Da könnte es helfen, den Verbrenner durch ein Hybridsystem zu ergänzen. Ich spreche allerdings nicht zwangsläufig von einem elektrischen Hybrid, sondern davon, dass man die Hydraulik nutzt, die ohnehin an Bord ist.

Wie soll das gehen?

Nun, für den Antrieb der Arbeitsgeräte kommt in Baumaschinen fast immer ein hydraulisches System zum Einsatz – nur so können sie die gewaltigen Kräfte effizient übertragen. Der dafür benötigte Druck im hydraulischen System wird in einem sogenannten Akkumulator vorgehalten. Dieses Bauteil ist heute bereits ein Energiespeicher. Nutzt man Phasen niedriger Last, um den Speicher zu füllen, verbessert man die gesamte Energiebilanz.

Dafür braucht man dann aber ziemlich große Speicher.

Wir sind heute bereits mit einem breiten Programm an Akkumulatoren im Markt. Der größte, den wir derzeit liefern – er verrichtet seinen Dienst in einem Minenfahrzeug – hat ein Speichervolumen von mehr als 60 Litern. Wir bieten auch eine Leichtbau-Version solcher Akkumulatoren für Anwendungen an, in denen das Gewicht nicht notwendig oder erwünscht ist.  

The Booth of Freudenberg Sealing Technologies at the IFPE in Las Vegas Der Messestand von Freudenberg Sealing Technologies auf der IFPE in Las Vegas.

Im März fand die IFPE statt: Welche Bedeutung hat die Messe für Ihr Geschäft?

Die IFPE, die lediglich alle drei Jahre stattfindet, ist nicht nur die Weltleitmesse für hydraulische Steuerungstechnik in unserer Branche. Parallel dazu findet auch die CONEXPO statt, die für den nordamerikanischen Markt in etwa die Bedeutung der bauma für Europa hat. Alle unsere Kunden sind dort, um die Baumaschinen der nächsten Generation zu präsentieren. Für uns ist das eine gute Plattform für den Dialog über zukünftige Entwicklungsprojekte.

Und was haben Sie Ihren Kunden vor Ort gezeigt?

Es gab nicht ein einzelnes Messe-Highlight. Unsere Experten stellten anhand verschiedener Produkte vom Akkumulator bis zur Kassettendichtung dar, wie wir zu einer besseren Total Cost of Ownership beitragen können.

Sie arbeiten an Komponenten für Bagger, Traktoren und andere große Maschinen – das klingt nach einem Traumjob für Ingenieure. Ist er das?

Definitiv. Ich bin in den USA auf einer Farm in nördlichen Wisconsin aufgewachsen und bewegte schon während meiner Jugend Land- und Baumaschinen, aber auch Motorräder, Schneemobile und Boote. Und das bedeutete auch: Sie immer zu reparieren. So fand ich zur Technik und zu meinem Maschinenbaustudium. 


×

Neuigkeiten aus erster Hand?

Neuigkeiten und Hintergründe aus der Dichtungstechnik erfahren, innovative Produkte kennenlernen – im kostenlosen E-Mail-Newsletter von Freudenberg Sealing Technologies.