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Zukunft der Arbeit  Digitalisierung  Science Fiction  23.08.2018

Science-Fiction-Kurzgeschichten: Teil 14

REISE IN DIE ZUKUNFT

Jeden Monat finden Sie hier eine neue Folge der ESSENTIAL Science-Fiction-Serie Reise in die Zukunft. In einer fiktiven Welt, in der die Ziele des Pariser Klimaabkommens Wirklichkeit geworden sind, erkundet Blogger Nero den möglichen technologischen und gesellschaftlichen Wandel. Ziel der Serie ist es, möglichst kreativ mit ganz unterschiedlichen Visionen zu spielen, und den Leser mitzunehmen auf ein Gedankenexperiment: Wie könnte unsere Zukunft aussehen – und was bedeutet das für uns?

Kommen Sie mit und begleiten Sie uns auf unserer monatlichen Reise in die Zukunft.

Alles im Kopf

„Hallo Nero“, meldet sich Avar. „Du solltest dir das hier anschauen.“ Vor meinem Auge erscheint der Link auf den Gedankenfeed des mir mittlerweile gut bekannten Kommissars Lee. „Schon wieder ein Kriminalfall?“, frage ich. „Mehr als das“, antwortet Avar. „Es könnte das Ende unserer Reportagereise bedeuten. Den radikalen Umbruch unserer Zero Emission World.“ Ich murmele erstaunt, meine Neugier ist geweckt, und drücke auf „Play“.


„Der ist tot.“ „Das sehe ich“, quittierte Kommissar Lee die Feststellung der Rechtsmedizinerin. Seine Phantasie reichte nicht aus, sich vorzustellen, wie jemand noch leben sollte, dessen Schädel von einer Marmorbüste zerschmettert worden war. Er sah sich im Arbeitszimmer von Doktor Abelardo um. Bildschirme, Holo-Reißbretter, dazwischen einige Papierstapel. Abelardo schien eine altertümliche Vorliebe für Papier gehabt zu haben. „Ich nehme an, das ist nicht passiert, weil ihm die Büste versehentlich auf den Kopf gefallen ist“, stellte Lee fest. Rechtsmedizinerin Keita schüttelte den Kopf. „Da hat jemand kräftig zugeschlagen“, sagte sie und deutete dann auf einen offenen Safe in der Wand: „Und das sieht mir nach Einbruchsspuren aus.“ „Können Sie mir bitte einen Überblick besorgen, woran Doktor Abelardo gearbeitet hat?“, fragte Lee seine Kollegin. Die runzelte die Stirn. „Das kann doch Ihr KI-Assistent machen.“ „Ich habe keinen.“ „Sie sind vermutlich der letzte Mensch der Welt, der keinen Avatar hat, Kommissar.“ „Möglich. Hab es mal versucht. Hat mich genervt.“ „Man kann die auch auf persönliche Vorlieben konfigurieren, Lee“, sagte Keita, tippte sich dann ans Ohr, sprach kurz mit einem virtuellen Assistenten, den nur sie sehen konnte, und fragte den Datensatz an. Der Holo-Text erschien vor ihnen in der Luft. Das Unternehmen, für das Abelardo als Innovationsmanager gearbeitet hatte, war bekannt für bahnbrechende Ideen. „Bioniker“, las Lee in Abelardos Lebenslauf.

Prof

Der Mann mit den revolutionären Visionen

„Was macht ein Bioniker?“, fragte er Keita. „Sie kennen Doktor Abelardo nicht? Das ist der Mann, der mit der Idee der Kapillar-Steine die Kühlung in Häusern revolutioniert und die Klimaanlage überflüssig gemacht hat. Und der die Bakterien gefunden hat, die den Plastikmüll aus den Weltmeeren gefressen haben. Bioniker holen sich ihre Innovationsideen aus der Natur. Der Mann war ein Superstar! Abelardo hatte sich zum Beispiel davon inspirieren lassen, dass Termitenbauten immer kühl sind und…“ Lee hörte nur mit halbem Ohr hin, während er die aktuellen Projekte von Abelardo scannte: Leichtbau, von Vogelknochen inspiriert. Spinnwebenklebstoff. Dann der kryptische Titel „Project Lifesaver“. Lee runzelte die Stirn. „Zusatzinformationen“, wies er den Computer an. „Das Projekt Lifesaver ist ein Gedankenexperiment von Doktor Abelardo“, erklärte die Computerstimme. „Es sind keine weiteren Informationen gespeichert. Bitte kontaktieren Sie Doktor Abelardo persönlich.“ Das kann ich leider nicht, dachte Lee und betrachtete den zerschmetterten Schädel. „Hatte Doktor Abelardo einen KI-Assistenten?“, fragte er die Rechtsmedizinerin. „Woher soll ich das wissen?“ „Sie sagten gerade, ich sei der letzte Mensch, der keinen besitzt. Wenn er einen hatte, wo saß denn die Hardware dafür? Kann man das in diesen Schädelresten noch finden?“ Keita rieb sich das Kinn. „Möglich“, sagte sie dann. „Tun Sie mir einen Gefallen und suchen Sie danach. Vielleicht hat er mit seinem Avatar über dieses mysteriöse Projekt gesprochen.“ Während sich die Gerichtsmedizinerin an die Arbeit machte, einen Miniaturcomputer in einem zerschmetterten Kopf zu suchen, fingerte Kommissar Lee in der Brusttasche nach einer Anisstange, schob sie sich in den Mund und kaute darauf herum.


Disruptive Technologien

„Tatsächlich, hier ist es“, sagte Keita nach einer Weile. „Wir können versuchen, den KI-Assistenten mit unserem Holo-System zu koppeln, dann sollten wir beide mit ihm sprechen können.“ „Versuchen wir es.“ Dort, wo zuvor die Akten über Abelardo erschienen waren, materialisierte sich das Bild eines jungen Mannes, gekleidet in den Kittel eines Chemikers. „Computer-Assistent, sagen Sie mir, ob Doktor Abelardo mit Ihnen über sein Project Lifesaver gesprochen hat“, befahl Lee. „Wie reden Sie denn mit mir?“, erklang die empörte Stimme des Avatars. Lee rollte die Augen. „Ich habe doch gesagt, diese KI-Assistenten nerven“, sagte er zu Keita. „Bitte, können Sie uns vielleicht weiterhelfen?“, beschwor die Rechtsmedizinerin das Hologramm. „Abelardo wurde offenbar ermordet. Wir suchen nach Hinweisen.“ Das Gesicht des Avatars blieb ausdruckslos. Lee seufzte. „Bitte…“, setzte er widerwillig an, aber der Mann im Kittel hob die Hand. „Doktor Abelardo hielt diese Forschung extrem geheim, weil es sich um eine disruptive Technologie handelt, die potenziell ganze Branchen zerstören kann. Unter seinen Kollegen gab es einige, deren Forschung von möglicherweise betroffenen Unternehmen finanziert wird“, erklärte der Avatar. „Ich habe mal gehört, man könnte technologischen Fortschritt nicht aufhalten“, erwiderte Lee. „Meine Datenbank der Weltgeschichte und der technologischen Neuerungen sagt mir, dass Menschen den Fortschritt zwar nicht verhindern, aber sehr wohl aufhalten können. Denken Sie daran, wie weit weg Anfang der 2000er Jahre noch der Durchbruch der Elektromobilität schien. Oder die Existenz von künstlicher Intelligenz wie mir.“ Lee schluckte eine Replik über den Zustand von „künstlicher Intelligenz“ herunter. „Gut, gut, na schön, also worum ging es jetzt bei dem Projekt?“, fragte er stattdessen. „Um den kompletten CO2-Kreislauf.“ „Verstehe ich nicht.“

Keita
Lee

Im Kopf?

„Doktor Abelardo“, erklärte der Avatar, „hat den Durchbruch dafür gefunden, wie wir CO2 nicht nur aus der Luft filtern, sondern anschließend auch im industriellen Maßstab wieder in Energie umwandeln können. Menschen und Pflanzen werden damit zu Energie-Produzenten, das CO2-Problem der Menschheit wäre komplett gelöst. Das Pariser Abkommen ein Erfolg, alle Klimaziele bis 2050 mehr als erfüllt. Als Nebenprodukt ließen sich noch zahlreiche andere Gase und Metalle rein aus der Luft gewinnen.“ „Ich verstehe nur die Hälfte, aber es klingt… gewaltig“, sagte Lee, zog die mittlerweile geschmacklose Anisstange aus dem Mund und warf sie in einen Mülleimer unter dem Schreibtisch.

„Da haben Sie recht, der Doktor klagte auch immer wieder darüber, dass es eine erschlagend große Idee sei. Und über das Misstrauen der Kollegen. Er sagte, er wisse genau, wer von den anderen Professoren am meisten zu fürchten habe.“ „Hat er deren Namen notiert? Die Unternehmen, die sich bedroht fühlen? Und wo sind diese Formeln und Lösungen, die er ersonnen hat?“ „Ich bedauere“, sagte der Avatar. „Doktor Abelardo betonte immer wieder, er habe alle diese Informationen ausschließlich im Kopf versteckt.“ Mist, dachte Lee. Wir sind genauso weit wie vorher. „Das ist aber eine seltsame Formulierung“, meldete sich plötzlich Rechtsmedizinerin Keita. Lee sah sie fragend an. „Im Kopf? Na – in welchem Kopf denn?“, führte sie aus. Kommissar Lee sah sich im Raum um. Sein Blick blieb am leblosen Körper von Doktor Abelardo hängen.

„Sag mal, Avatar, welche Büste hatte der Doktor denn in seinem Büro stehen?“ „Der Doktor verehrte den visionären Ingenieur Dr. Pieter Freudenberg, der im Jahr 2030 erstmals konkret theoretisch vorrechnete, wie sich bestimmt Stoffe aus der Luft extrahieren lassen könnten. Darauf basierte ein Teil seiner Forschung.“ „Keita – holen Sie mir einen Vorschlaghammer. Ich habe das Gefühl, die Antwort auf unsere Fragen steckt in der Büste, vermutlich in einem Speicherchip.“ Die Rechtsmedizinerin sah ihn erst erstaunt an, dann nickte sie beeindruckt. „Er hatte also recht“, sagte sie. „Womit?“ „Wenn die Idee in der Büste steckte, dann wurde er wortwörtlich von ihr erschlagen.“ „Hoffen wir, dass wir die Ideen finden, und dann jemand damit auch das CO2-Thema ein für alle Mal erschlägt.“


„Von wann stammt das?“, frage ich Avar. „Ganz aktuell“, antwortet sie. „Behalte das bitte im Auge“, bitte ich meine KI-Assistentin. Selbst wenn die Aufzeichnungen gefunden werden wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis klar sein wird, ob an den Ideen von Dr. Abelardo etwas dran ist. „Nero?“, fragt Avar plötzlich zurück. „Bist du auch der Meinung, dass Avatare nervig sind?“ Für einen Moment bin ich perplex. „Aber nein, Avar“, sage ich dann: „Du bist die Beste, die ich mir vorstellen kann!“


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