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Zukunft der Arbeit  Digitalisierung  25.05.2018

Science-Fiction-Kurzgeschichten: Teil 11

Reise in die Zukunft

Jeden Monat finden Sie hier eine neue Folge der ESSENTIAL Science-Fiction-Serie Reise in die Zukunft. In einer fiktiven Welt, in der die Ziele des Pariser Klimaabkommens Wirklichkeit geworden sind, erkundet Blogger Nero den möglichen technologischen und gesellschaftlichen Wandel. Ziel der Serie ist es, möglichst kreativ mit ganz unterschiedlichen Visionen zu spielen, und den Leser mitzunehmen auf ein Gedankenexperiment: Wie könnte unsere Zukunft aussehen – und was bedeutet das für uns?

Kommen Sie mit und begleiten Sie uns auf unserer monatlichen Reise in die Zukunft.

Gewächshaus mit CO2-Absorber

Da steht er nun vor mir, der leckere Burger, ein Viertelpfünder mit Käse, Eisbergsalat, Tomaten und ordentlich Ketchup. Ich sitze in einem Restaurant am Rande der Jeevanjee Gardens im Zentrum Nairobis und gönne mir noch einmal ein richtiges Fleischgericht. In Kenia geht das mittlerweile mit recht gutem Gewissen. Landesweit müssen die Farmer per Gesetz seit einigen Jahren ihre Kühe mit besonders nährstoffreichen Gräsern füttern, die mit einem speziellen Seetang angereichert werden. Das senkt ihre Blähungen und damit den Methanausstoß um mehr als die Hälfte. Nach dem Lunch wird es ernst. „Jetzt auf zur Projekt-WG“, sage ich zu Avar. „Wie komme ich am besten zum Wohnheim?“ Meine KI-Assistentin muss nicht lange rechnen: „Nero, zum Nairobi Campus sind es gerade einmal 400 Meter. Das kannst Du sicher laufen.“


Im Wohnheim begrüßt mich Abuya und zeigt mir meine Bleibe, ein kleines Zimmer mit Bett und Schreibtisch. Die Junior-Professorin von der Mount Kenya University leitet ein Experiment, an dem ich in der kommenden Woche teilnehmen werde: ein Jahr lang will sich eine Wohngruppe von zehn Studierenden vollkommen autark und CO2-neutral ernähren – nur von dem, was sie im und auf dem Gebäude anbauen. Am Projekt sind mehrere Unis und Unternehmen aus Afrika, Europa und Asien beteiligt. Es soll zeigen, dass sich Megacities schon bald selbst ernähren können. Es hat allerdings einen kleinen Nachteil für mich: Auf der Speisekarte steht ausschließlich veganes Essen. Das erklärt meinen Ausflug in die Burger-Bude heute Mittag.


Abuya

Tag 2 + 3

Die beiden nächsten Tage muss ich Robert und Kelly im Dachgarten helfen, der die Bewohner mit frischem Gemüse versorgt. Auf dem Programm: Die Reinigung des Nachtschattenhauses. „Du kümmerst Dich um den Wischroboter“, sagt Kelly mit einem Grinsen und zeigt auf einen würfelförmigen Kasten mit großem Display. „Du musst ihn nur programmieren, die Nanobeschichtung am Wischer fängt den Schmutz dann wie von selbst auf.“ Bevor ich loslege, blicke ich nach oben zu einem merkwürdigen Dachaufbau. „Das ist der CO2-Absorber“, erkärt mir Robert, der meinen Blick bemerkt. „Der filtert das Kohlendioxid aus der Luft, das wir zum Düngen verwenden. Funktioniert mit dem Strom aus der Solarhülle, die in die Außenwände eingearbeitet ist.“ In dem halboffenen Gewächshaus gedeihen Tomaten, Paprika und Kartoffeln in sechs abgetrennten Segmenten an weitverzweigten, horizontalen und vertikalen Trägerstrukturen, die wie Eiskristalle aussehen. „Was macht der Wischroboter?“, ermahnt mich Kelly. „Na ja, ich will ja später noch meinen Blogbeitrag schreiben“, erkläre ich. „Und ich kann die einzelnen Pflanzen gar nicht erkennen.“ Kelly lacht. „Kein Wunder. In jedem Segment hängen Tomaten, Paprika und Kartoffeln an einer einzigen Pflanze, die wir Tompaptato nennen. Damit sind wir viel effizienter als mit Einzelsorten.“


Tag 4

Mein Schreibtag. Nachmittags schlendere ich durch die City von Nairobi. Auf den Straßen fahren ausschließlich elektrische Robotaxis und Lastroboter, andere Verkehrsmittel dürfen nur noch weiter außerhalb fahren. Abends ein vorzügliches Essen im Wohnheim: Selbstgebackenes Maniokbrot mit einem schmackhaften Aufstrich aus Kichererbsen und Kräutern, ein sämiger Gemüseeintopf und dazu selbstgebrautes Bier aus der kleinen Sudpfanne im Keller. Wunderbar – eine Fleischbeilage vermisse ich gar nicht mehr.

Tag 5

Heute steht der Brunnen im Keller auf der Agenda. Die Pumpenanlage, die den Flüssigkunststoff für die nachwachsenden Brunnenrohre in die Tiefe transportiert, ist kaputt. Maschinenbau-Student Takao aus Nagoya bastelt schon seit einigen Tagen daran herum. „Der Kunststoff ist mit hygrophilen Sensoren ausgestattet“, erklärt er. „Deswegen können sich die Rohre beim Wachsen nach den Wasseradern ausrichten.“ Dazu braucht es aber Materialnachschub. Viel kann ich nicht helfen, als Handlanger reiche ich Takao das Werkzeug. Am späten Nachmittag höre ich ein Surren und ein begeistertes „Banzai“ von Takaos Stimme. Die Pumpe läuft wieder.


Tag 6

Auch heute leider wieder im Keller. Hier sind die mehrstöckigen Pflanzboxen, in deren violettem Lichtschein Maniok, Gerste und einige andere Getreidesorten gedeihen. Neben organischen LEDs erproben die Projektpartner für die Beleuchtung der Boxen auch fluoreszierenden Plankton aus verschiedenen Algensorten. Mich begleitet Biologiestudentin Marijke aus Amsterdam, sie atmet tief ein. „Wir haben durch die Biomasse hier unten einen ständigen Überschuss an Sauerstoff“, sagt sie. „Deswegen leiten wir die Abluft in eine kleine Anlage mit Molekularsieben. Den Sauerstoff, den wir dabei gewinnen, liefern wir an die umliegenden Krankenhäuser.“ Wir ernten einige Wurzelknollen der niedrigwachsenden Maniokpflanzen, die in eigens für den Anbau in geschlossenen Räumen gezüchtet wurden und einen extrem hohen Flächenertrag liefern. In der Küche schälen und raspeln wir die Knollen und weichen sie ein, damit sie später geröstet und zu Mehl verarbeitet werden können.

Tag 7

Der Tag des Abschieds. „Eigentlich haben wir immer mit Technik zu tun“, sage ich etwas philosophisch zu Avar, „und dafür war das hier in Nairobi ja überraschend bodenständig. Und das ausgerechnet in einer Megacity. Bitte notiere für meinen Bericht: Etwas Digitales werden wir Menschen nie essen. Dafür brauchen wir schon noch Pflanzen – und vielleicht ab und zu auch einen guten Burger.“

Nero

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Teil 12: Angriff auf Alaska Star V

Im Jahr 2045 wird die komplette Datenkommunikation mit Quantenkryptographie verschlüsselt. Cyberangriffe gehören damit der Vergangenheit an. Oder doch nicht?
Skewered

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