Skewered
Zukunft der Arbeit  Digitalisierung  19.07.2018

Science-Fiction-Kurzgeschichten: Teil 13

REISE IN DIE ZUKUNFT

Jeden Monat finden Sie hier eine neue Folge der ESSENTIAL Science-Fiction-Serie Reise in die Zukunft. In einer fiktiven Welt, in der die Ziele des Pariser Klimaabkommens Wirklichkeit geworden sind, erkundet Blogger Nero den möglichen technologischen und gesellschaftlichen Wandel. Ziel der Serie ist es, möglichst kreativ mit ganz unterschiedlichen Visionen zu spielen, und den Leser mitzunehmen auf ein Gedankenexperiment: Wie könnte unsere Zukunft aussehen – und was bedeutet das für uns?

Kommen Sie mit und begleiten Sie uns auf unserer monatlichen Reise in die Zukunft.

Gezinkt

War wohl wieder nichts mit Schlafen. Als unfreiwilliger Held, der gerade einen Cyberangriff vereitelt hat, ist man plötzlich ein gefragter Mann. Nachteil: Mein Biorythmus ist komplett durcheinander. Erst die Zeitverschiebung, dann jetzt noch haufenweise Interviews. Erschöpft sitze ich im Hotel, aber der Schlaf kommt nicht. Die richtige Zeit für eine True-Crime-Geschichte? Ich war ja quasi selbst Teil eines Krimis. Avar erzählt mir, dass eine neue Episode meiner Lieblingsserie bereitstehe. Vielleicht hilft ihre säuselnde Vorlesestimme ja, mich zur Ruhe kommen zu lassen.


„Licht wäre gut.“ „Du hast doch Licht“, antwortete Xinyi. „Ich meine nicht die Lampe auf der Stirn, sondern richtiges Licht. Helles Licht. Von der Decke.“ Die Stirnlampe blendete Cliona Aboud im Gesicht, als die junge Technikerin aus der Intralogistikabteilung zu ihr hinübersah, und der Blick der jungen Frau hätte nicht entgeisterter sein können, wenn Cliona gefordert hätte, nachts die Sonne anzuknipsen. „Wir sind im Warenlager, Cliona. Da gibt’s kein Licht. Wozu auch? Die Infrarotsensoren und sonstigen Sensoren der Fahrzeuge brauchen das nicht.“ „Ich weiß“, seufzte sie. Ihr Armband vibrierte, und am rechten Rand des Hologramms auf ihrer Arbeitsbrille tauchte ein blinkender Punkt auf. „Achtung, Ameise“, warnte sie reflexartig die junge Kollegin. Aber die war bereits einen Schritt zur Seite gegangen. Surrend fuhr ein rot lackiertes Fahrzeug an ihnen vorbei, im Schein ihrer Stirnlampen funkelten die beiden Gabelzinken wie gefährliche Hörner. Cliona tippte sich mit der rechten Hand hinter das Ohr: „Zentralcomputer, lokalisiere letzten registrierten Ort der Inventurdrohne“, sagte sie. Der Bildschirm ihrer Arbeitsbrille verwandelte sich in eine Karte des Warenlagers. Ein kleines, grünes Rechteck leuchtete. Cliona sah sich um: „Genau hier ist sie verschwunden“, sagte sie. „Ich seh nix“, antwortete Xinyi. „Abgestürzt ist sie schon mal nicht. Sonst lägen hier Trümmer.“


Ein Zufallsfund

Cliona drehte ihren Kopf hin und her und leuchtete mit der Stirnlampe die 30 Meter hohen Regale ab. „Die Drohne kann auch da oben irgendwo liegen“, sagte sie. Xinyi stöhnte. „Mir reicht’s jetzt. Die finden wir nicht. Ich hab doch meine Ausbildung fürs Warenlager nicht gemacht, um auf Regale zu klettern und körperlich zu arbeiten, sondern weil ich mich mit Datenströmen und Supply-Chain-Algorithmen beschäftigen wollte. Achtung, Ameise.“  Ein weiteres Fahrzeug surrte langsam an ihnen vorbei, blieb vor einem Regal stehen und fuhr dann den Mast aus, so hoch, dass die Kopflampen der beiden Frauen gar nicht bis dorthin strahlen konnten, wo es in schwindelerregender Höhe eine Kiste aus dem Regal zog und langsam herunterhob. Mit einem klackernden Geräusch setzte es sich in Bewegung und fuhr in Richtung des automatischen Förderbands. Aus der Kiste ragten in der Dunkelheit schemenhaft die Umrisse von Rotorblättern hervor. „Ich glaube, da hast du deine Inventurdrohne, Xinyi“, sagte Cliona.


Eine halbe Stunde später saßen die beiden Frauen vor der Bildschirmwand im Intralogistik-Kontrollzentrum des Warenlagers. Auf allen Bildschirmen flackerten Zahlenkolonnen, blinkten Punkte, bewegten sich Symbole. Der Schwarm der sich selbst steuernden Hochregalstapler, Transportfahrzeuge, Drohnen und Mini-Shuttles arbeitete sich im Dunkeln monoton und präzise durch die Regale, ein schwarmintelligentes Konzert eigenständig agierender Helfer. Die Kommissionieranlagen und Verpackungsroboter übernahmen Kisten und Paletten im Sekundentakt. Xinyi überprüfte an ihrem Arbeitsplatz, ob die Kunden ihre Lieferungen jeweils zur gewünschten Minute erhalten würden, oder ob sie mit Verspätungsbeschwerden rechnen musste. „Scheint alles in Ordnung“, sagte sie schließlich. „Wir haben im Lager keines der Fahrzeuge zu zeitaufwändigen Umwegen gezwungen. Hatten wir nochmal Glück. In einer halben Stunde geht eine wichtige Ladung Polymere nach Japan raus, die gestern aus Spanien angeliefert wurden.“ Clionas Arbeitsbrille sendete ihr die Weltnachrichten: Wahlsieg der Zukunftspartei in Europa, Polizei sucht geraubtes Kunstwerk aus Madrid, Erdbeben in San Francisco… Sie schaltete den Nachrichtenfeed ab. „Ich verstehe noch immer nicht, warum die Drohne über dem Regal abgestürzt ist“, sagte sie. „Wäre super, wenn sie beim Arbeiten filmen würde.“ „Was würde das nützen? Es ist alles dunkel. Ihr Infrarot-Scanner erfasst die Plaketten, das reicht völlig aus. Du hast doch in den Geschichtsbüchern gelesen, was Licht in Lager und Produktion früher alles an unnötigen Energiekosten verursacht hat.“

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„Ich gehe da nochmal rein.“

Cliona kaute auf ihrer Unterlippe. „Die Beule seitlich sah so aus, als habe jemand die Drohne aus der Luft geholt.“ „Wer von uns sollte das tun? Gäbe nur Ärger.“ „Nicht jemand von euch. Jemand da drinnen.“ Cliona deutete auf die Wand zum Lager. Xinyi rollte mit den Augen: „Cliona, da drin ist niemand. Das ist ein Lager.“ „Ich geh da nochmal rein.“ Die Intralogistik-Technikerin schüttelte den Kopf. „Aber ohne mich. Wir können ja in Funkkontakt bleiben. Ich pass auf, dass die Routen nicht durcheinandergeraten.“ Kurze Zeit später stand Cliona wieder vor dem Regal und schaute nach oben. „Achtung, Ameise“, ertönte knirschend Xinyis Stimme in ihrem Ohr, aber Cliona hatte die Warnung für das herannahende Fahrzeug bereits auf ihrer Brille wahrgenommen. Sie beobachtete den Hochregalstapler, wie er sich vor dem Regal in Position begab, seinen Mast nach vorne schob, und langsam die Zinken nach oben fuhr. Kurzentschlossen sprang Cliona auf die Zinken. Wenn die Drohne dort oben auf dem Regal, unter der Decke zum Absturz gebracht worden war – dann verbarg sich dort vielleicht jemand? Ein Einbrecher? Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass jemand einen Sack mit Polymermischung stehlen wollte. Wacklig auf den Zinken stehend fuhr sie nach oben. Fünf, sechs Meter. Es war zum Glück dunkel, denn es kam ihr bereits jetzt verdammt hoch vor. „Hallo Cliona“, meldete sich die Computerstimme des Avatars in ihrem Kopf. „Deine Körpersensoren zeigen mir, dass du unsicher stehst. Du solltest überprüfen, ob du die richtigen Schuhe angezogen hast.“ Du hast mir gerade noch gefehlt, dachte Cliona. Dann sah sie unten ein Licht, wie von einer Stirnlampe.


Auf der Spur…

„Xinyi?“, fragte Cliona ins Mikrofon. „Bist du das da unten?“ „Unten, wieso? Du weißt doch, wo ich bin“, kam die Stimme aus dem Kopfhörer. „Da unten ist jemand.“ „Was meinst du mit unten, Cliona?“ „Uhm. Möglicherweise fahre ich gerade hoch.“ Neun Meter waren es bereits, meldete ihr der Höhenmesser auf die Arbeitsbrille. Plötzlich hielten die Zinken kurz an. Dann schwankte der Mast. „Cliona?“, ertönte Xinyis Stimme. „Jemand hat mit manuellem Eingriff den elektronischen Maststabilisator der Ameise ausgeschaltet. Warst du das? Warum?“ Oje. „Kannst du das bitte schnell wieder anstellen?“, fragte Cliona ins Mikrofon. Möglicherweise zitterte ihre Stimme dabei etwas. „Und dann ruf die Security. Hier ist jemand.“ Die Zinken setzten sich erneut in Bewegung, jetzt schwankte und zitterte alles, während der Mast rasch an Höhe gewann. Zwölf Meter, 15 Meter zeigte der Höhenmesser an. Cliona krallte sich fest, aber alles physikalische Wissen sagte ihr, dass ein Mast mit einer ausgewachsenen Frau darauf in dieser Höhe zu viel Gewicht hatte, um ohne Stabilisator nicht deutlich zu beiden Seiten auszuschlagen. Wenn jetzt das Fahrzeug unter ihr umkippte… „Ich kann das nicht ausstellen“, sagte Xinyi. „Wo bist du?!“ Cliona war sich nun sicher, dass sie etwas oder jemandem auf der Spur war. Es würde ihr allerdings wenig nützen, recht gehabt zu haben, wenn es diesem Jemand gelang, sie aus dieser Höhe abstürzen zu lassen. „Achtung!“, meldete sich erneut der Avatar, ihr ständiger körperloser Begleiter. „Sie schwanken stark. Sie sind möglicherweise betrunken. Trinken Sie Wasser oder legen Sie sich hin!“ Du hast ja keine Ahnung, dachte Cliona. 18 Meter. Sollte dieses blöde automatisierte Fahrzeug nicht langsam mal merken, dass es in diesem Zustand auf gar keinen Fall eine Kiste aus dem Regal würde ziehen können? Und sowas schimpfte sich dann künstlich intelligenter Stapler. Der gesamte Mast schien jetzt zu zittern und zu vibrieren, Cliona wurde durchgeschüttelt, ihr rechter Fuß drohte abzurutschen.


Der Sprung

Sie drückte sich mit dem linken fest ab und sprang auf das Regal. Mit einem Scheppern landete sie zwischen den Kisten und Säcken, von denen einige über den Rand in die Tiefe stürzten. Ihr Knie schmerzte. „Achtung!“, meldete sich ihr Avatar. „Es sieht so aus, als seien Sie gestürzt. Ich verständige den nächsten Arzt in Ihrer Nähe.“ Cliona drehte ihren Kopf und ließ den Schein der Kopflampe über das Regal schweifen. Nicht weit von ihrer Stelle ragte aus einer Kiste ein großer, viereckiger Gegenstand heraus. Sie krabbelte in die Richtung und stieß dabei weitere Kisten in die Tiefe. Wenn ich hier nicht jetzt einen richtig dicken Einbruch aufdecke, dann kann ich meinem Job Adieu sagen, dachte sie. Dann war sie an der Kiste angelangt. Das rechteckige Etwas schien in Papier eingepackt, war sehr groß und flach. Sie riss das Papier auf. „Security ist unterwegs“, meldete sich Xinyis Stimme. „Wo zum Teufel steckst du? Was ist los?“ Cliona atmete tief aus. „Ruf mal bitte die Kriminalpolizei noch dazu“, sagte sie. „Wie bitte?“ „Dieser Kunstraub vorgestern. In Madrid. Ich glaube, jemand hat das Bild in deine Spanien-Lieferung geschmuggelt und wollte es bei uns im Lager in Empfang nehmen. Und dann kam ihm die Inventurdrohne in den Weg.“ „Um Gottes Willen, Cliona! Und der Typ ist noch im Lager? Versteck dich! Bevor er dich findet.“ Cliona schaltete die Kopflampe aus. „Da wo ich bin, kommt er grad nicht hin. Und außerdem ist hier dunkel.“

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