Martens
Digitalisierung  06.08.2019

Von Batterien und Brennstoffzellen

Weinheim. Als Leiter der Division Battery & Fuel Cell Systems ist Nils Martens eine der Speerspitzen im Transformationsprozess, den Freudenberg Sealing Technologies (FST) angesichts der Abkehr vom Verbrennungsmotor in der Antriebstechnik betreibt. Im Interview äußert er sich ausgesprochen erfreut über den aktuellen Kundenzuspruch sowie über das rasante Wachstum seiner Division und zeichnet ein von Optimismus geprägtes Zukunftsbild.

Herr Martens, räumen Sie bitte vorab mit einem immer wieder zu hörenden Missverständnis auf. Baut FST künftig Batterien für Autos?

Nein. Wir haben uns strategisch ganz klar positioniert. Die Division Battery & Fuel Cell Systems fokussiert sich ausschließlich auf Heavy Duty, das heißt LKW und Lieferfahrzeuge, Busse, Bahnen, Schiffe sowie Minen- und Baufahrzeuge. Diesen Marktsegmenten bieten wir komplette Systemlösungen: Batteriesysteme, Brennstoffzellensysteme mit Balancing-of-plant-Komponenten* oder – als Königsdisziplin – integrierte Hybridantriebssysteme, die die Vorzüge von Batterie und Brennstoffzelle miteinander kombinieren. Dabei setzen wir auf unsere hauseigenen Freudenberg-Komponenten und eine einzigartige Wertschöpfungstiefe in unserer Produktion. Wer sonst kann vom Separator über die Zelle bis hin zum Batteriesystem beziehungsweise von der Membran über die Membran-Elektrodeneinheit (MEA) und den Stack bis hin zum Brennstoffzellensystem das komplette Spektrum „in house“ im eigenen Unternehmen fertigen sowie die notwendige Elektronik und Software designen beziehungsweise entwickeln?

Und im Auto?

Selbstverständlich wird FST auch an der Batterie- und Brennstoffzellentechnik im Auto stark partizipieren. Der Automobilindustrie bieten wir Dichtungen und neuartige Produktlösungen wie unser innovatives Hitzeschild oder das Druckausgleichsventil DIAvent. Das heißt, wir liefern Komponenten, gegebenenfalls mit dem Anspruch, verschiedene Funktionen zu integrieren – dann sprechen wir von Komponenten+. Aber wir liefern der Automobilindustrie keine kompletten Systeme. Von unserer weiter wachsenden Systemkompetenz in Heavy-Duty-Anwendungen wird aber auch unser Automobilgeschäft profitieren und zielgerichtet Neuentwicklungen starten können.

Warum hat FST diese Unterscheidung getroffen?
FST

Dafür spricht eine Vielzahl von Gründen. Ich möchte den wesentlichen herausgreifen. Die technischen Anforderungen an Leistungskraft und dauerhafte Zuverlässigkeit von Batterie und Brennstoffzelle liegen im Heavy-Duty-Geschäft deutlich höher als in Autos. Die Anzahl der Ladezyklen, Betriebszeiten und die erforderliche Lebensdauer unterscheiden sich erheblich. Stellen Sie sich ganz einfach vor, wie viele Stunden ein Lieferwagen eines Zustellbetriebs Tag für Tag im Einsatz ist. Dessen Batterie muss täglich aufs Neue zu 100 Prozent aufladen und auch nach zehn Jahren ihren Dienst wie am ersten Tag verrichten. Oder denken Sie daran, welche buchstäblich schwergewichtigen Aufgaben Antriebssysteme in Bussen, Bahnen, Schiffen, schweren Landmaschinen und Baufahrzeugen zu stemmen haben. Dieses extrem herausfordernde Aufgabenprofil kommt unserer Technologie- und Innovationskompetenz bei FST entgegen.Dies ist eine herausfordernde Marktnische mit höchsten Anforderungen, für die wir uns bestens gerüstet sehen.

Wir sehen aktuell nur wenige Wettbewerber, die diese Anforderungen ebenfalls mit so viel Fokus und den richtigen Lösungen bedienen können. Im Automobilgeschäft tummeln sich dagegen deutlich mehr Anbieter, einschließlich der OEM, also der Hersteller, die teils selbst ins Batteriegeschäft einsteigen. Ihnen stehen wir dabei selbstverständlich als Entwicklungspartner und Lieferant mit unseren innovativen Komponenten zur Seite.

 

“Die Elektrifizierung kommt schneller als gedacht!”

 

Lassen Sie uns konkret zum FST-Geschäft mit Batterien und Brennstoffzellen für Heavy-Duty-Anwendungen kommen. Wie ist die aktuelle Entwicklung?

Sehr gut. Die Elektrifizierung der Antriebstechnik kommt viel schneller voran als gedacht. Wir arbeiten mittlerweile mit vielen Großen der Branche zusammen und sind selbst überrascht, wie schnell das geht und wie stark unsere Expertise gefragt ist. Der Kundenzuspruch ist extrem positiv. Die Kunden schenken uns Vertrauen, sie setzen auf unsere Innovationskraft, Qualität, globale Aufstellung und unsere langfristige finanzielle Solidität. Das hätten wir uns in diesem Ausmaß nie träumen lassen. Das Wachstum der Division wird sich 2019 deutlich im dreistelligen Prozentbereich bewegen.

Worauf führen Sie diese Erfolge zurück?

Der Handlungsdruck steigt. Dies wird getrieben durch die weltweite Regulierung und gleichzeitig fallende Total-Cost-of-Ownership für elektrifizierte Anwendungen im Vergleich zu den klassischen Verbrennungsalternativen. Vor diesem Hintergrund kommt der Güter- und Personentransport um die Elektrifizierung nicht herum. Selbst in der Schifffahrt steigt die Anzahl der „Zero Emission“-Zonen rasant an, in die Schiffe, die rein auf Verbrennungsmotoren setzen, nicht mehr einfahren dürfen. Gleichzeitig ist wie gesagt das Vertrauen der Kunden in unsere Kompetenz enorm.

Im Batteriegeschäft haben wir die einzigartige technologische Kompetenz von XALT Energy mit den Stärken von FST kombiniert. Wir verfügen über eine voll entwickelte und validierte Batterielösung, die bei Kunden bereits im Einsatz ist. Unsere Marke XALT Energy profitiert von der Globalität und Finanzkraft Freudenbergs und von den guten Kontakten, die wir in den Markt haben. Gleichzeitig können wir XALT bei dem rasanten Ausbau des Geschäfts und der Supply Chain unterstützen. Ich denke dabei zum Beispiel an unsere langjährigen Erfahrungen bei FST mit Lean/GROWTTH und Six Sigma, die zu Operational Excellence in der Fertigung führen.

Bleiben wir bei XALT Energy. Was macht die neue FST-Marke im Batteriegeschäft so einzigartig?

Dies sind zum einen die außergewöhnlichen Leistungsmerkmale. Ein Beispiel: Die Lithium-Ionen-Batterien von XALT Energy sind für ihre Vollzyklen-Stabilität bei gleichzeitig marktführender Energiedichte bekannt. Das heißt vereinfacht ausgedrückt, es schadet ihrer Leistung und Lebensdauer nicht, immer wieder vollständig zu 100 Prozent geladen und entladen zu werden. Zudem lassen sich XALT-Batteriesysteme modular passgenau für jede Anwendung individuell konfigurieren. XALT verfügt über eine tiefere Wertschöpfung als alle anderen Anbieter: Angefangen von den Komponenten einer einzelnen Batteriezelle bis hin zum kompletten Batteriesystem stammt alles aus einer Hand. Hinzu kommen Elektronik-, Software- und After-Sales-Angebote wie Installation, Schulungen und Wartung. Immer wichtiger wird in diesem Zusammenhang das Thema Telematik, die Fernüberwachung der Batterie. Aus deren Daten lassen sich beispielsweise Warnungen oder Handlungsempfehlungen für das Fahrverhalten des Fahrzeuglenkers ableiten. Solche Serviceleistungen und Online-Dienste werden verstärkt Bestandteil unseres Geschäftsmodells.

Abschließend: Wie ist der Stand bei Brennstoffzellen?

Wir sehen die Brennstoffzelle in Kombination mit Batterien als festen Bestandteil der Mobilität der Zukunft. In integrierten Systemen puffern Batterien kurzfristige Mehrbedarfe, zum Beispiel beim Beschleunigen, die Grundlast trägt die Brennstoffzelle. Freudenberg verfügt über langjährige Erfahrung mit Komponenten für Brennstoffzellen und hat sich durch die Akquisition von Elcore zusätzliches wertvolles Fachwissen erworben. Wir werden eigene Brennstoffzellen-Stacks auf dem Markt bringen.

Die ersten Prototypentests übertreffen unsere Erwartungen und erfüllen schon heute die Vorgaben der Kunden. Bis zum Start der Serienproduktion dieser Zukunftstechnologie dürften nur noch wenige Jahre vergehen. 2022 sollte es spätestens soweit sein.

 

* Der Begriff „Balancing of Plant“ beschreibt vereinfacht ausgedrückt alle Komponenten, Module und Subsysteme, die für Nutzung der Brennstoffzelle benötigt werden.
** Ein „Marineintegrator“ integriert das komplette Antriebssystem inklusive Elektronik, Motoren, Steuerungen, Kühlungen etc. in ein Schiff.


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