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Digitalisierung  07.05.2019

„Für die digitale Gesellschaft gilt das Gleiche wie für den Autobau“

Estland nutzt die Digitalisierung für immer neue Innovationen. Wie automatisch erstellte Steuererklärungen für Unternehmer und die E-Residency, eine Art virtueller Staatsbürgerschaft. Ein Wegbereiter dieser Neuerungen war Taavi Kotka, von 2013 bis 2017 erster Chief Information Officer (CIO) der estnischen Regierung.

Taavi Kotka, Estlands Verwaltung und Gesellschaft sind weitreichend digitalisiert. Wie kommt es, dass Estland den digitalen Ansatz so umfassend verfolgt hat?

Die ersten Schritte legten wir bereits um das Jahr 2000 zurück. Damals wurde das Internet noch keine zehn Jahre öffentlich genutzt. Die Leute waren noch nicht so ängstlich wie jetzt. Andererseits gab es aber auch nicht allzu viele positive Beispiele, die wir hätten kopieren können. Wir mussten also riskieren, einen neuen Weg einzuschlagen.

Aber warum war die Digitalisierung für Estland so wichtig?

Die Digitalisierung begann ja in Wirklichkeit noch früher. Estland ist flächenmäßig größer als die Schweiz oder die Niederlande, hat aber nur 1,3 Millionen Einwohner. Die Bevölkerungsdichte liegt außerhalb unserer Hauptstadt bei gerade einmal vier Personen pro Quadratkilometer. Die Banken erkannten zuerst, dass unter diesen Umständen nicht jedes Dorf eine eigene Filiale haben kann. Das wäre nicht effizient. Deshalb überzeugte die Privatwirtschaft die Menschen davon, das Internet zu nutzen. Die Wirtschaftlichkeit gab also den entscheidenden Ausschlag. Bedenken Sie: Nachdem wir 1991 wieder unabhängig wurden, mussten wir bei null anfangen. Unsere Wirtschaft war zu diesem Zeitpunkt extrem schwach, wir mussten effizient sein. Wir standen unter dem Druck, uns digitalisieren zu müssen.

Taavi Kotka über die Vorteile digitaler Gesellschaften und die Digitalisierung.

Und die Privatwirtschaft war der Motor.

Ja, sie sprach sich dafür aus, dass wir Internetbanking einführen, dass wir eine Mobile ID benötigen, und dass wir digitale Signaturen brauchen. Als unsere Regierung merkte, dass die Gesellschaft Internetbanking akzeptiert, folgte E-Government. Und das führte zu unserer digitalen Gesellschaft, wie wir sie heute kennen.

Die aber auch verwundbar ist. Im Jahr 2007 gab es einen Angriff auf das estnische IT-System. Was waren die Konsequenzen?

Wir haben viel gelernt und verstanden, was wir können. Wir haben auch verstanden, dass unsere dezentrale Architektur tatsächlich die beste Verteidigung gegen diese Art von Angriffen ist.

Inwiefern?

Wir nennen das „Einmalpolitik“. Das bedeutet, dass jedes Ministerium nur die Daten speichert, die es wirklich braucht. Werden mehr Daten benötigt, müssen diese bei der Stelle angefragt werden, die sie verwaltet. So hat jede Behörde Informationen, die eine andere nicht erheben kann. Selbst wenn ein System gehackt wird, bedeutet das nicht, dass damit zugleich der Rest der Daten preisgegeben wird. Aber Cyber-Vorfälle hat es in der Vergangenheit gegeben und es wird sie auch in Zukunft geben. Wenn dieser Ernstfall eintritt, werden wir einen Bruchteil der Daten verlieren, aber nicht alle.

Heißt das im Umkehrschluss, dass jede Behörde automatisch die Daten einer anderen erhält, sofern sie diese benötigt?

Sie erhält Zugriff, sofern sie dazu rechtlich befugt ist. Das Konzept sieht vor, dass sich jede Behörde um ihre eigenen Daten kümmert, und nur um diese Daten. Jede arbeitet mit dem, was sie benötigt. Deshalb glauben wir beispielsweise auch, dass es zu einer besseren Gesundheitsversorgung führt, wenn Ärzte die gesamte Krankenakte sowie alle bisherigen Behandlungen und Rezepte ihrer Patienten einsehen können.

Taavi Kotka
Taavi Kotka
Taavi Kotka
Taavi Kotka
Seit etwas mehr vier Jahren können Ausländer von ihrer digitalen Gesellschaft und Verwaltung profitieren, indem sie eine virtuelle Staatsbürgerschaft erwerben, die E-Residency. Welche Nationalitäten nehmen das Programm besonders gerne an?

Es sind Menschen aus 140 verschiedenen Nationen. Ganz vorne stehen die Finnen, weil sie unsere Nachbarn sind und viele Finnen hier Eigentum haben. Für sie ist es so einfacher, ihr Eigentum zu verwalten. Viele Russen haben die E-Residency ebenfalls und Deutsche auch. Das kam für uns überraschend. Unser Angebot sollte Türken oder Serben ansprechen. Also Menschen außerhalb der Eurozone und der Europäischen Union. Bei den Deutschen haben wir erkannt, dass Bürokratie für sie ein Problem ist. Sie wollen sich damit nicht herumärgern müssen.

Die Regierungen müssen also die Möglichkeiten der Digitalisierung erkennen und nutzen?

Ja. Mit der Digitalisierung können sie nicht zuletzt wirtschaftlich wichtige Fragen beantworten. Nun, Sie kommen ja aus Deutschland. Wie viele Menschen leben in Ihrem Land? Eine einfache Frage, oder?

82 Millionen.

Wissen Sie das wirklich genau? Können Sie sich auch so auf ihre Datenbanken verlassen wie wir? Mein Punkt ist, wenn Sie nur eine solch einfache Frage, wie nach der Einwohnerzahl in Deutschland, exakt beantworten können, dann dürfte der Digitalisierungsgrad Ihres Heimatlandes in Ordnung sein.

Aber Sie bezweifeln, dass er in Ordnung ist.

Natürlich tue ich das. Angenommen, aus einer bestimmten Region in Deutschland wandern Menschen und Unternehmen ab. Wie lässt sich das ändern? Vielleicht gewährt Ihre Regierung Steuervorteile oder stellt zusätzliche Mittel bereit. Dann muss sie überprüfen, ob sie wirken. Wenn es nicht die richtige Lösung ist, dann ist schnell ein anderes Modell gefragt! Die Digitalisierung mit all den gesammelten und zu kombinierenden Daten hilft dabei. Das ist die Zukunft und deshalb mache ich mir Sorgen. Ich sorge mich nicht um das Deutschland von heute, sondern um das Deutschland von morgen. Wenn Deutschland bei der Übernahme der digitalen Gesellschaft und des E-Government nicht effizienter wird, sind wir alle verloren, denn ohne Ihr Land passiert in der EU nichts.

 

„Wenn wir nicht in der Lage sind, unseren Unternehmen, unseren Jugendlichen, einfach zu bedienende, unkomplizierte Lösungen anzubieten, werden sie die Dienste von anderswo und über das Internet nutzen.“

 

Das sind keine guten Aussichten.

Die Deutschen verstehen, dass sie sehr sorgfältig sein müssen, wenn sie ein gutes Auto bauen wollen, sonst gibt es später Probleme. Das Gleiche gilt für die digitale Gesellschaft. Die Chinesen machen das richtig. Dasselbe gilt für Indien. Wer nicht folgt, wird auf der Strecke bleiben. Ja, Deutschland geht, was die Industrie anbetrifft, die richtigen Schritte: Automatisierung, Robotik, Künstliche Intelligenz, das ist alles perfekt! Aber eine digitale Gesellschaft ist so viel mehr. In ihr kooperiert der Privatsektor mit der Regierung, um den Menschen die besten Dienstleistungen zu bieten. Wenn wir nicht in der Lage sind, unseren Unternehmen, unseren Jugendlichen, einfach zu bedienende, unkomplizierte Lösungen anzubieten, werden sie die Dienste von anderswo und über das Internet nutzen. Das ist das Problem.

Sie denken also, dass China große Dinge vollbringen kann.

Viele Dinge, die sie tun, sind sehr vernünftig. Zum Beispiel, Menschen davon zu überzeugen, bestimmte Gewohnheiten aufzugeben, die ihrer Gesundheit schaden. Ich mag aber diesen Orwell-Ansatz in China nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Selbst im Westen leben wir schon in 1984. Man kann sich nicht in Berlin, London oder Los Angeles bewegen, ohne erfasst zu werden. Die digitalen Spuren, die man hinterlässt, sind enorm. Die Frage ist, wie die Gesellschaft diese neue Situation annimmt. In China müssen sie alles genehmigen, was die Partei sagt, und manchmal denke ich, dass das zu aggressiv ist. Hier bei uns in den Gesellschaften Nordeuropas, da haben wir noch ein Mitspracherecht.

Sie haben einmal erwähnt, dass die Digitalisierung mit Vergnügen verbunden sein muss. Was meinen Sie damit?

Das ist einer der Punkte, die McKinsey mich gebeten hat zu definieren. Einer der Punkte, die für eine digitale Gesellschaft notwendig sind. Man muss die Leute bei Laune halten. Dann werden sie anfangen, mehr zu verlangen. Zum Beispiel brauchten wir die E-Residency nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch, um den Menschen vor Augen zu führen: "Oh, es kommt etwas Neues aus dem E-Government, weil alles andere erledigt war": E-Signatur - erledigt, Krankenhausaufenthaltsdaten - erledigt, E-Rezepte - erledigt, der Finanzsektor kooperiert mit der Regierung - erledigt. Also, gib mir noch etwas anderes. Wir sind ständig auf der Suche nach neuem Vergnügen.

Innovationen werden leichter akzeptiert, wenn sie Vergnügen bereiten?

Ja. Und sie müssen die Dinge bequemer machen. Wie unsere neueste Innovation. Sie haben ein Unternehmen und wirtschaften bargeldlos? Dann müssen Sie nicht mehr die Steuererklärung machen. Sie sagen einfach, schaut euch bitte mein Bankkonto an, lest, wo ein Gehalt ist und wo Zahlungen sind. Daraus wird eine automatische Steuererklärung generiert. Und wenn Sie ein kleines Unternehmen haben, dann brauchen Sie keinen Buchhalter mehr!

Das klingt gut. Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews in unserem Kundenmagazin ESSENTIAL. Darin spricht Taavi Kotka darüber, warum jeder Este eine digitale Identität besitzt, warum Estlands Bürger großes Vertrauen in Datenspeicherung und -verknüpfung haben und was es mit Estlands Datenbotschaft in Luxemburg auf sich hat. Zudem geht er nochmals ausführlich auf die E-Residency als zukunftsträchtiges Geschäftsmodell ein. Die ESSENTIAL erscheint im Mai 2019.


Taavi Kotka

Taavi Kotka

*1979

Er wurde 2013 Estlands erster Chief Information Officer (CIO). Bis 2017 leitete er die Entwicklung seines Heimatlandes als fortschrittliche digitale Nation. 2014 wurde er zum European CIO of the Year ernannt. Zudem beriet er die Europäische Kommission zum Europäischen digitalen Binnenmarkt.

Heute ist er für ProudEngineers.com wieder in der Privatwirtschaft tätig.


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