Thomas Schmidt
Nachhaltigkeit  05.11.2019

„Kunststoff besitzt perfekte Materialeigenschaften“

Thomas Schmidt gewann bei den Olympischen Spielen in Sydney Gold im Kanuslalom. Wenig später fertigte er seine eigenen Wettkampfboote und nutzte dabei die Vorteile von Kunststoff. Ein Werkstoff, mit dem er heute noch beruflich zu tun hat.

Thomas Schmidt, im Jahr 2000 wurden Sie Olympiasieger im Kanuslalom. Dabei waren Sie zunächst kein großer Fan der Olympiastrecke.

Überhaupt nicht! Beim vorolympischen Wettkampf kam ich mit der Strecke gar nicht zurecht. Der Kurs hatte eine ganz andere Charakteristik als meine Heimstrecke in Augsburg. Das Ufer war anders gestaltet, nicht U- sondern V-förmig. Das macht einen enormen Unterschied: Das Wasser verhält sich anders. Es baut nicht so viel Druck auf, es pendelt mehr hin und her. Wir haben dann meine Läufe intensiv auf Video analysiert und auf Strecken trainiert, die jener von Sydney ähnelten.

Mit Erfolg. Vor den nächsten Olympischen Spielen 2004 in Athen legten Sie ein Hauptaugenmerk darauf, zwei eigene Boote zu konzipieren und zu bauen. Warum?

Ich wollte im Rahmen eines Forschungsprojekts den Herstellungsprozess verbessern. Ein Kanu besteht aus Kunststoff und wird bis heute in der Regel in Handarbeit hergestellt. Mein Ziel war es weg vom üblichen Handlaminat zu gehen, hin zu einem digitalen Design mit gefräster Form.


Thomas Schmidt holte 2000 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney im Kanuslalom.

Was heißt das genau?

Wir haben die Form des Kanus am Computer entwickelt und anhand der Daten einen Positivblock mit einer Fräsmaschine hergestellt. Mit ihm ließ sich die Negativform produzieren, in die wir schließlich die Haut für das Boot laminierten. Für die Haut griffen wir auf Kohlefasern zurück, die wir zuvor in Epoxidharz getränkt hatten, sowie einen speziellen Polyurethanschaum. Anschließend haben wir das Boot in einem Autoklaven – einem besonderen Ofen – unter hohem Druck perfekt ausgehärtet.

Warum hat sich diese Art des Bootsbaus bislang nicht durchgesetzt?

Weil sie zu teuer ist. Mein Projekt wurde damals von mehreren Partnern finanziert. Würden die Hersteller heute die Kajaks so herstellen, würden sie fünfmal mehr kosten. Der Einsatz von Autoklaven ist in der Luft- und Raumfahrt, in der Medizintechnik oder im Automobilbau üblich, im Bootsbau nicht. Aber: Heute kommen neue Kunststoffe in Mode, deren Kennwerte mit meinen damaligen Booten vergleichbar sind.

Thomas Schmidt

Experimentierten Sie damals auch mit verschiedenen Kunststoffen?

Ich habe mich damals intensiv mit diversen Lieferanten über die besten Materialien ausgetauscht, denn für eine Eigenentwicklung war die Projektlaufzeit zu kurz. Mir war es sehr wichtig, dass das Material sehr temperaturbeständig ist: Das Boot sollte unlackiert bleiben, um mit noch weniger Gewicht auszukommen. In Athen, dem Gastgeber der Olympischen Spiele 2004, scheint oft die Sonne und Kohlefaser ist nun mal schwarz. Da können bei direkter Sonneneinstrahlung Temperaturen von 100 Grad zusammenkommen. Deshalb war es elementar, dass sich das Boot dann nicht verformt. Das richtige Epoxidharz war die Lösung.

Sie haben sich nach ihrer Sportkarriere beruflich auf den Leichtbau und dort auf die Luft- und Raumfahrt fokussiert. Welche unschlagbaren Vorteile hat Kunststoff in dieser Hinsicht?

Neben Aluminium ist Kunststoff der Leichtbauwerkstoff schlechthin. Während Aluminium allerdings aufwändig behandelt werden muss, um nicht zu rosten, spielt Korrosion bei Kunststoff natürlich überhaupt keine Rolle. Wie bereits erwähnt – Kunststoff ist leicht, dennoch stabil und unglaublich formbar. Er lässt sich weben, flechten, laminieren. Seine Materialeigenschaften passen sich perfekt an das Produkt an.

Als Leistungssportler haben Sie viel in der Natur trainiert. Ist Ihnen dabei Plastik auch als Problem aufgefallen?

Oh ja. Wir Kanusportler trainieren ja nicht nur auf künstlichen Strecken, sondern auch in Flüssen oder im Gebirge. In Ballungsräumen ist das Müllproblem präsenter als in den Bergen. Unser Ziel lautet, die Strecken, auf denen wir paddeln, für den Sport zu nutzen und sie nicht zu verschmutzen. In meinen Vereinen gab und gibt es immer einen Umwelttag, an dem wir Müll und Plastik im Bereich der Strecken gesammelt haben. Es ist schon erschreckend, was da zusammenkommt.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das ausführliche Interview mit Thomas Schmidt lesen Sie in der November-Ausgabe unseres Unternehmensmagazins ESSENTIAL, die ganz im Zeichen des Kunststoffs steht. Von Wegwerfplastik als Last – und wie wir diesem Problem begegnen können. Aber auch von der Frage, ob Kunststoff eine Lösung sein kann.

Auch bei Freudenberg Sealing Technologies sind Kunststoffe ein kontinuierliches Thema: www.fst.de/produkte/werkstoffe


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