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Nachhaltigkeit  Digitalisierung  29.08.2019

Kunststoff für Körperkontakt

Ein plastikfreies Krankenhaus? Undenkbar. Vom Einweghandschuh über Spritzen bis zum Implantat – Kunststoffe sind in der modernen Medizin unverzichtbar. Welche Vorteile das Material hat und welche Anforderungen es in diesem sensiblen Bereich erfüllen muss.

Es existieren heute Kunststoffe, die dauerhaft unverändert im Körper bleiben können – und es gibt Kunststoffe, die sich nach einer bestimmten Zeit darin vollständig auflösen. Steter Fortschritt bei Medizin und Material hat Spezialkunststoffe mit faszinierenden Eigenschaften hervorgebracht. Plastik lässt sich sogar mit antimikrobieller Wirkung ausstatten: Additive, die Material und Beschichtungen hinzugefügt werden, beispielsweise Silberionen oder Titanoxid, hemmen die Ausbreitung der gefürchteten multiresistenten Keime in Kliniken.

Sicher und flexibel

„Kunststoffe sind das Chamäleon der Werkstoffe. Sie passen sich flexibel den Anforderungen verschiedenster Branchen an“, sagt Professor Christian Bonten, Leiter des Instituts für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart. Das A und O in Medizin und Pharmaindustrie sind Patientensicherheit und Anwendungsnutzen – und Kunststoff ist die Lösung für beides.

„Kunststoffprodukte erlauben die keimfreie, schnelle Notfallversorgung von Patienten“, führt Bonten als Beispiel an. Bei einem Notfall kommt es auf jede Sekunde an und es wird auch durchaus robust zugepackt. Deshalb müssen sich Rettungssanitäter und Ärzte auf die unkomplizierte Handhabung ihrer Instrumente verlassen können. Sie müssen schnell verfügbar, bruchsicher und stabil sein. Und vor allem: steril.

Plastics for Bodily Contact

Deswegen hat der Kunststoff in der Medizin seit der Erfindung der Einwegspritze aus Plastik Mitte der 50er-Jahre zunehmend Glas und Metall ersetzt. Inzwischen wird weltweit mehr als die Hälfte aller Medizinprodukte aus Kunststoff gefertigt. Hygienische und ökonomische Gründe sprechen für keimfrei verpackte Einwegmaterialien in Medizin und Pflege: Wenn Operationsbesteck und andere Hilfsmittel nicht nach jedem Gebrauch aufwändig sterilisiert werden müssen, spart das Zeit und reduziert die Keimgefahr. In einem weiteren Punkt ist Kunststoff überlegen: Im Gegensatz zu Instrumenten aus Nickel oder Aluminium besteht kein Allergierisiko.

Dank ihrer Bruchfestigkeit und Beständigkeit gegen Hitze und Desinfektionsmittel haben sich Thermoplaste wie ABS und PEEK in der Medizintechnik bewährt. Wo hingegen Elastizität gefragt ist, kommt Silikon zum Einsatz, zum Beispiel für Infusions- und Beatmungsschläuche, die keinesfalls knicken dürfen.

Biokompatibel und bioresorbierbar

Eine der wichtigsten Anforderungen an Kunststoffe in der Medizin ist Biokompatibilität: Medizinische Geräte müssen für den Menschen unschädlich sein, gleichzeitig beständig gegenüber organischen Substanzen wie Blut. Jeder Kunststoff für die medizintechnische oder pharmazeutische Anwendung wird streng geprüft. „Bei Produkten wie Implantaten, die länger als 30 Tage im Körper bleiben, wird auch verstärkt auf Wechselwirkungen geachtet“, erklärt Bonten.

Andere Kunststoffe sollen sich dagegen nach einer bestimmten Zeit sogar vollständig im Körper auflösen. Zum Beispiel bioresorbierbare Operationsfäden oder Schrauben aus dem Biopolymer Polylactid. In der Herzchirurgie werden bioresorbierbare Gefäßbrücken zur Behandlung der koronaren Herzerkrankung als Alternative zu Stents aus Metall erprobt. Sie stabilisieren die Arterie während des Heilungsprozesses und bauen sich nach drei bis vier Jahren im Körper ab.

Gesundheitsschutz contra Recycling

Plastik hat also viele unschlagbare Vorteile in der Medizin, kein Wunder, dass es so weit verbreitet ist. Aber was ist mit der Umweltbelastung? Reinigen und recyceln kommt bei vielen Behandlungsmaterialien aus Sicherheitsgründen nicht infrage. „Der Einsatz von Rezyklaten ist in vielen Einsatzfällen verboten. Mehr noch: Es bestehen teils Auflagen, mit Körperflüssigkeiten kontaminierte Kunststoffgegenstände aus Kliniken zu verbrennen, um Epidemien zu verhindern,“ erklärt Bonten.

Anders gesagt: Auch Ärzte und Krankenhäuser produzieren in ihrem Alltag Plastikabfall – mit jedem Gummihandschuh, jeder Palette Tabletten und jeder Spritze. Auch wenn das zum Nutzen der menschlichen Gesundheit geschieht – die Medizintechnik steht genauso wie andere Branchen vor der Frage, ob zum Beispiel irgendwann biologisch abbaubare Kunststoffe eine Alternative sein könnten. Oder ob es Möglichkeiten gibt, den Materialverbrauch zumindest zu reduzieren.


Unser aktueller Themenschwerpunkt ist Kunststoff. Von Wegwerfplastik als Last – und wie wir diesem Problem begegnen können. Aber auch von der Frage, ob Kunststoff eine Lösung sein kann. Mehr zum Thema „Plastik – Last und Lösung“ lesen Sie in der November-Ausgabe unseres Unternehmensmagazins ESSENTIAL.


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