Plastic Bags
Nachhaltigkeit  06.02.2020

Von Everybody’s Darling zum Enfant Terrible

Nur ein paar Minuten lang war sie nützlich. Doch für die nächsten tausend Jahre bleibt sie ein lästiges Problem: die Plastiktüte. Wie kaum ein anderer Alltagsartikel steht sie für die Umweltverschmutzung durch Einwegplastik.

Rund zehn Millionen Plastiktüten werden allein innerhalb der nächsten Minute weltweit verbraucht. Noch. Denn immer mehr Regierungen sind entschlossen, die Flut an Einwegplastik einzudämmen, indem sie Plastiktüten verbieten oder zumindest erheblich verteuern. Ende 2019 galten Verbote bereits in 91 Ländern; davon 34 in Afrika.

Wegen einer Plastiktüte ins Gefängnis?

Kenias Antiplastiktüten-Gesetz gilt als das strengste der Welt: Auf Import, Verkauf und Verwendung von Plastiktüten stehen Geldbuße bis zu 40.000 Dollar oder eine bis zu vierjährige Haftstrafe. Sogar Touristen riskieren Ärger bei der Einreisekontrolle, wenn sie Plastiktüten im Gepäck haben. Doch was bedeutet das für den Alltag der Kenianer? Allemal einen Sprung von einem Extrem ins andere.

Vor dem Verbot im August 2017 waren die dünnen Plastikbeutel allgegenwärtig. Allein in den Supermärkten wurden jedes Jahr etwa 100 Millionen davon verbraucht; außerdem unzählige mehr auf den Straßenmärkten. Weggeworfene Tüten vermüllten Stadt und Land und belasteten das gesamte Ökosystem.

Neue Sauberkeit mit Schattenseiten

Essential Plasticbags Smile

Und jetzt? Der Tütenmüll ist in Kenia fast verschwunden. So war es auch in Ruanda. Das Pionierland des Plastiktütenverbots rühmt sich zehn Jahre danach als eines der saubersten Länder der Erde und wird im UN-Report „Single-Use Plastics. A Roadmap for Sustainability“ (UNEP, 2018) als Positivbeispiel genannt.

Allerdings ist die neue Sauberkeit nicht makellos – weder in Ruanda noch in Kenia oder in anderen Ländern, die Plastiktüten rasch und radikal verboten haben. Der Mangel an gleichwertigem und ebenso billigem Ersatz zu den dünnen Beuteln aus Polyethylen hat wirtschaftliche, soziale und alltagspraktische Probleme aufgeworfen. In der Kunststoffindustrie sind Arbeitsplätze verlorengegangen. Händler haben Schwierigkeiten, verderbliche Lebensmittel hygienisch zu verpacken, und sie beklagen Umsatzeinbußen. Die ärmere Bevölkerung kann sich die teureren kompostierbaren Beutel nicht leisten. Die Folge: Schmuggel von Plastiktüten aus den Nachbarländern und reger Schwarzmarkthandel.

Plastiktütenverbot ist nur ein Teil der Lösung

Gleichzeitig hat das Plastiktütenverbot in Kenia viel Positives bewirkt. Es hat den Umweltschutz im öffentlichen Bewusstsein verankert. Und es hat Anreize geschaffen, die Abfallentsorgung zu verbessern, mehr Kunststoff zu recyceln und nachhaltiges Verpackungsmaterial zu entwickeln. Dabei ist allerdings nicht jede Alternative ökologisch sinnvoll. Um Papiertüten herzustellen, muss beispielsweise enorm viel Wasser verbraucht werden.

Der UN-Report „Single-Use Plastics“ verdeutlicht, dass es nicht genügt, Plastiktüten zu verbieten. Denn die Tüte in der Landschaft ist oft nur das Symptom für größere Probleme, zum Beispiel unzureichende Müll- und Recyclinginfrastruktur und Mangel an preiswerten Alternativen. Doch wenn auch die Rahmenbedingungen angepasst werden, könnten „Verbote der erste Schritt einer umfassenden Strategie sein, Plastikmüll zu reduzieren und Einwegplastik durch umweltfreundliche Alternativen zu ersetzen“, heißt es in der Analyse.


Unser aktueller Themenschwerpunkt ist Kunststoff. Von Wegwerfplastik als Last – und wie wir diesem Problem begegnen können. Aber auch von der Frage, ob Kunststoff eine Lösung sein kann. Mehr zum Thema „Plastik – Last und Lösung“ lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins ESSENTIAL.


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